Welche Rolle spielt Vertrauen in der Wissenschaft?
Was braucht man, um als Wissenschaftler:in zu arbeiten? Viele würden Eigenschaften nennen wie Neugier, Intelligenz oder Rationalität. Laut dem Philosophen John Hardwig gehört aber auch Vertrauen zur wissenschaftlichen Arbeit dazu. Ana von der Philosophie-Olympiade erklärt, warum.
Lernen angehende Wissenschaftler:innen nur, selber zu denken - oder auch, anderen zu vertrauen? (Foto: Biologie-Olympiade)
Das zentrale Ziel der Wissenschaft besteht darin, Wissen zu schaffen. Gewöhnlich wird von Wissenschaftler:innen angenommen, dass sie in ihren Disziplinen in der Lage sind, dieses Ziel zu erfüllen. In der Philosophie wird Wissen oft als wahre, gerechtfertigte Überzeugung definiert. Geht man davon aus, müssen Forschungsergebnisse nicht nur wahr, sondern auch gerechtfertigt sein, um als Wissen zu gelten.
Zu sagen, dass Wissen gerechtfertigt sein muss, lässt offen, was als gute Rechtfertigung gilt. In der Wissenschaft gilt jedoch Vertrauen normalerweise nicht als gute Rechtfertigung. Stattdessen die Idee der epistemischen Autonomie ein Ideal: Wer selbst denkt und Dinge kritisch hinterfragt, handelt vorbildlich. Wer hingegen anderen blind vertraut, gilt als irrational. Gleichzeitig funktioniert aber die moderne Wissenschaft nicht ohne Zusammenarbeit, welche Vertrauen zwischen Wissenschaflter:innen vorauszusetzen scheint.
Der Philosoph John Hardwig argumentiert deshalb in seinem Text The role of trust in Knowledge für die These, dass Vertrauen in andere Personen eine notwendige Bedingung für Wissen in der modernen Wissenschaft ist.
Über die Autorin: Ana Maria Abril gewann 2023 Silber im Finale der Philosophie-Olympiade. Jetzt studiert sie Philosophie und Mathematik in Bern und engagiert sich ehrenamtlich für die Philosophie-Olympiade.
Analyse der Struktur modernen Wissenschaft
Hardwig beginnt seine Argumentation mit einer Analyse der Struktur moderner Wissenschaft. Diese ist wesentlich kollegial und arbeitsteilig. Wissenschaftler:innen berufen sich auf die Arbeit ihrer Vorgänger:innen. Ausserdem wird in grossen, auch international vernetzten Gruppen gearbeitet. Ein Grund für diese Zusammenarbeit ist, dass das Sammeln von Daten und deren Analyse oder die Durchführung bestimmter Experimente teilweise so aufwendig oder komplex sind, dass sie nicht von einer Person allein durchgeführt werden können.
Erkenntnistheoretisches Problem
Hieraus ergibt sich laut Hardwig sich ein erkenntnistheoretisches Problem, d.h. ein philosophisches Problem, welches Wissen und dessen Bedingungen betrifft. Wenn wissenschaftliche Resultate Wissen sein sollen, dann müssen sie gerechtfertigt sein. In grossen Forschungsgruppen besitzt jedoch keine einzelne Person die vollständige Rechtfertigung für die gemeinsamen Resultate. Viele wissenschaftliche Resultate scheinen also nicht (vollständig) gerechtfertigt und können eigentlich nicht als Wissen gelten. Dennoch wollen wir bei den Resultaten dieser Forschung von Wissen sprechen.
Die Funktion von Zeugnis
In diesem Punkt der fehlenden Rechtfertigung sieht Hardwig die Wichtigkeit von Zeugnis. In der Erkenntnistheorie bezeichnet Zeugnis im Allgemeinen die Übermittlung von Überzeugungen von einer Person zu einer anderen. Hardwigs Idee ist, dass durch Zeugnis Rechtfertigung geteilt werden kann. Wissenschaftler:innen einer Forschungsgruppe können durch Zeugnis Rechtfertigung untereinander, und somit Wissen, teilen. Dies gibt jeder beteiligten Wissenschaftler:in, wenn auch indirekt, den Zugang zur Rechtfertigung der durch die gemeinsame Forschung hervorgebrachten Resultate. Nur wenn also Wissenschaftler:innen das Zeugnis anderer Wissenschaftler:innen akzeptieren, können sie die Resultate ihrer gemeinsamen Forschung Wissen nennen.
Wie Zeugnis mit Vertrauen zusammenhängt
Nach Hardwig hängt dieses Zeugnis eng mit Vertrauen zusammen: Das Zeugnis einer Person B, dass p, könne nur als Rechtfertigung für Person A dienen, p zu glauben, wenn sie B vertraut. Zeugnis setzt also Vertrauen voraus, falls es rechtfertigend sein soll.
Ein Experte hält einen Vortrag. Sein Zeugnis werden wir nur als Rechtfertigung nehmen, etwas zu glauben, wenn wir ihm vertrauen, so Hardwig. (Foto: Philosophie-Olympiade)
Personales Vertrauen
Hardwig analysiert den Begriff des Vertrauens weiterführend und stellt differenziert dar, wann eine Person als vertrauenswürdig gilt (Ehrlichkeit, Kompetenz, Gewissenhaftigkeit, …). Wichtig zu bemerken ist, dass sich Hardwigs Analyse, auch wenn er den Begriff nicht selbst verwendet, auf Vertrauen in Personen (personales Vertrauen). bezieht.
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Hardwigs Konklusion
Auf dieser Grundlage kommt Hardwig dann zu dem Schluss, dass in der modernen Wissenschaft personales Vertrauen eine notwendige Bedingung für Wissen ist. Seine Argumentation lässt sich folgenderweise darstellen:
Prämisse 1: In der modernen Wissenschaft ist Zeugnis eine notwendige Bedingung für wissenschaftliches Wissen.
Prämisse 2: Zeugnis setzt Vertrauen voraus.
Konklusion: In der modernen Wissenschaft ist Vertrauen eine notwendige Bedingung für wissenschaftliches Wissen.
Kritik an Hardwig
Hardwigs Analyse der Funktion von Vertrauen in der Wissenschaft beschränkt sich ausschliesslich auf personales Vertrauen. Eine mögliche Kritik daran ist, dass dies nicht ausreicht, um zu erklären, wie wissenschaftliches Wissen in der modernen Wissenschaft möglich ist. Wie Hardwig selbst bemerkt, arbeiten Wissenschaftler:innen auch in internationalen Forschungsgruppen. In solchen Konstellationen kennen sich die Wissenschaftler:innen untereinander nicht zwingend persönlich. Zwischen diesen Wissenschaftler:innen kann also keine solche Vertrauensbeziehung bestehen, die nötig wäre, um Zeugnis von anderen Wissenschaftler:innen anzunehmen.
Ein philosophischer Text lädt immer dazu ein, sich zu fragen, wie man zu seinem Inhalt steht und was man daran kritisieren könnte. (Foto: Philosophie-Olympiade)
Institutionelles Vertrauen
Im Folgenden soll anhand eines Beispiels veranschaulicht werden, dass in Situationen, in denen keine persönliche Beziehung zwischen den beteiligten Wissenschaftler:innen besteht, eine andere Form des Vertrauens, institutionelles Vertrauen, die Funktion des personalen Vertrauens übernehmen kann. Dieses Beispiel soll dazu dienen, die These intuitiv nachvollziehbar zu machen. Dabei bezeichnet institutionelles Vertrauen, Vertrauen in Strukturen wie Universitäten, privatwirtschaftliche Forschungseinrichtungen, Peer-Reviews und Meta-Analysen.
Leonie, die gewissenhafte Wissenschaftlerin
Die gewissenhafte Wissenschaftlerin Leonie liest eine neu veröffentliche, wissenschaftliche Studie, auf welcher sie ihre eigene Forschung aufbauen könnte. Zwischen ihr und den Autor:innen der Studie besteht keine persönliche Beziehung. Bevor sie die Resultate dieser Studie in ihrer eigenen Forschung verwenden, prüft sie, gewissenhaft wie sie ist, zuerst den Inhalt der Studie und fragt, ob er in sich konsistent ist. Sie kontrolliert ausserdem, wie dieser mit dem Wissen, das sie bereits hat, zusammenpasst. Leonie berücksichtigt zusätzlich aber auch, von wem, in welcher Institution die Studie durchgeführt und veröffentlicht wurde. Kommt sie nun zu dem Schluss, dass sie die Resultate der Studie in ihrer eigenen Forschung verwenden kann, dann lässt sich dies nicht durch personales Vertrauen begründen. Sie vertraut nicht primär den Autor:innen der Studie, sondern vielmehr den Institutionen und Studien, innerhalb welcher die Studie entstanden ist.
Was nun?
Mit diesem Beispiel ist jedoch noch kein wirklich überzeugendes Argument für institutionelles Vertrauen gegeben. An diese Stelle bist du eingeladen, weiterzudenken. Zum Beispiel über diese Fragen: Was bedeutet Vertrauen in Institutionen genau (im Gegensatz zu Vertrauen in Personen)? Wann ist eine Institution vertrauenswürdig? Und wie genau rechtfertigt institutionelles Vertrauen die Übernahme von Zeugnis?
Nachdenklich geworden? Wenn dich solche Fragen interessieren, kannst du vom 1. September bis 4. Oktober an der Vorrunde der Philosophie-Olympiade teilnehmen.