13.09.2020

Eine philosophische Reise

Nachdem das Finale der diesjährigen Philosophie-Olympiade wegen der Pandemie auf einen virtuellen Essaywettbewerb beschränkt war, trafen sich die Finalistinnen und Finalisten Anfang September endlich persönlich. Vier Tage lang reisten sie zusammen durch die Schweiz - auf den Spuren zweier berühmter Philosophen.

Auf der Halbinsel Chastè bei Sils. (Alle Bilder: Lara Gafner)

Am ersten Tag entwickelten die Teilnehmenden ihre eigenen philosophischen Fragestellungen.

Am ersten Tag entwickelten die Teilnehmenden ihre eigenen philosophischen Fragestellungen.

Schlafen wie Rousseau: Der Erstplatzierte Manuel Beckert im Zimmer des berühmten Philosophen auf der St. Petersinsel.

Nachdenken wie Nietzsche: Der Zweitplatzierte Severin Rohrer am Silvaplanersee.

Workshop mit Urs Marti-Brander.

Raphael Zumbrunn und Nitya Rajan während einer Diskussion über das Bewusstsein.

Das Finale der diesjährigen Philosophie-Olympiade hätte eigentlich am 19. März beginnen sollen. Doch wenige Tage vor dem Anlass wurde klar, dass dieser aufgrund der Pandemie abgesagt werden musste. Der Wettbewerbsaspekt bleib erhalten - die Finalistinnen und Finalisten schrieben ihre Essays von zuhause aus. Der soziale Aspekt ist jedoch genauso wichtig. Wir waren daher entschlossen, einen Ersatz für das Finale zu planen. Trotz der Rückschläge und Komplikationen, welche die unsichere Lage mit sich brachte, gelang es uns, eine philosophische Reise zu organisieren. Vom 3. bis 7. September 2020 besuchten acht der zwölf Finalistinnen und Finalisten Orte in der Schweiz, welche die berühmten Philosophen Jean-Jacques Rousseau und Friedrich Nietzsche inspiriert hatten.

 

Unsere Reise begann am Donnerstag, dem 3. September, mit einem interaktiven Workshop. Normalerweise erhalten die Teilnehmenden an der Philosophie-Olympiade Fragen oder Zitate, über welche sie dann ein Essay schreiben. Dieses Mal sollten die Teilnehmenden selbst Fragen stellen! Interessante Probleme zu entdecken und präzise Fragestellungen zu formulieren sind schliesslich wichtige Fähigkeiten für Philosophinnen und Philosophen. Am Ende des Workshop hatte jeder und jede eine philosophische Frage gefunden, die ihn oder sie auf der bevorstehenden Reise begleiten würde.

 

Am Freitag fuhren wir mit dem Schiff von Biel, wo wir übernachtet hatten, zur St. Petersinsel. Der politische Philosoph Jean-Jacques Rousseau floh 1765 auf die Halbinsel. Er war auf der Suche nach einem Ort, an dem er für seine kontroversen Ansichten nicht verfolgt würde. Nach sechs Wochen wurde er auch aus dem Kanton Bern verbannt, und zog weiter nach England um David Hume zu besuchen. Obwohl Rousseaus Aufenthalt auf der St. Petersinsel von kurzer Dauer war, genoss er die Einsamkeit und die Natur sehr und betrachtete seine Zeit auf der Insel als die schönste seines Lebens.

 

Prof. Dr. em. Urs Marti-Brander brachte den Teilnehmenden Rousseaus Philosophie näher, insbesondere die Begriffe "amour de soi-même" und "amour propre", sowie die Idee des "contrat social". Nietzsche, der zweite Denker, dem wir auf unserer Reise begegnen sollten, wurde ebenfalls behandelt. Urs Marti-Brander erklärte Nietzsches Gedanken zur sogenannten "Sklavenmoral", beziehungsweise "Herrenmoral".

Am nächsten Tag machten wir uns auf den langen Weg nach St. Moritz, wo wir in die Jugendherberge einzogen und einen freien Nachmittag verbrachten. Die Teilnehmenden badeten im Stazersee, während die Freiwilligen das Museum Engadinais besuchten. Am Sonntag, dem 6. September wartete Sils Maria auf uns. In launenhaftem Wetter spaziertem wir den Silvaplanersee entlang und erkundeten die Halbinsel Chastè im Silsersee. Anschliessend besuchten wir das Nietzsche-Haus, wo Friedrich Nietzsche mehrere Sommer verbracht hatte. Dort lernten die Teilnehmenden einiges über das turbulente Leben des Philosophen.

 

Vor dem Abschied war es Zeit, noch einmal auf die philosophischen Fragen zurückzukommen. Im Verlaufe der vergangenen Tage hatten sich einige der Fragen verändert - sie wurden breiter oder enger, einige Konzepte waren komplexer als usprünglich gedacht. Manche Fragen führten zu Antworten, andere zu mehr Fragen - oder zu beidem. Im Video sprechen die Finalistinnen und Finalisten über ihre philosophischen Fragen:

 

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Zur Autorin: Lara Gafner ist die Präsidentin der Schweizer Philosophie-Olympiade. Nach ihrem Bachelorabschluss in Philosophie an der Universität Bern studiert sie nun Geschichte und Philosophie des Wissens an der ETH Zürich.

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