Ich erinnere mich noch sehr gut an meinen ersten Tag beim Finale der Schweizer Philosophie-Olympiade im Jahr 2022. Ich kam am Bahnhof in Bern an, voller Vorfreude, aber auch ein bisschen nervös. Zum Glück schienen alle von Anfang an sehr sympathisch und wir fingen ziemlich schnell an, beim Abendessen zu philosophieren. Das Schweizerdeutsch (aber auch das Englisch), das ich hörte, war mir erstmal völlig unverständlich, was zusammen mit meiner Schüchternheit dazu führte, dass ich den ganzen Abend lang schwieg. Ich versuchte, mich an die Wörter zu klammern, die ich verstehen konnte, und irgendwann mitten im Gespräch wurde ein Film erwähnt: Don’t Look Up. Ich erinnere mich, dass ich sehr neugierig war: Warum hat dieser Film eine Gruppe von Philosoph*innen so in seinen Bann gezogen?

Ein Abendessen bei der Philosophie-Olympiade.
Die Handlung
Für alle, die noch nie von Don’t Look Up gehört haben - kein Problem. Ich fange mit einer kurzen Zusammenfassung an. Zwei berühmte Astrophysiker*innen, Kate Dibiasky und Randall Mindy, entdecken einen Kometen, der in den nächsten sechs Monaten mit der Erde kollidieren wird. Natürlich geraten Kate und Randall angesichts dieses drohenden Desasters in Panik, aber alle um sie herum (ihre Freunde und Familienmitglieder, die Medien, die US-Präsidentin) scheinen das Ganze überhaupt nicht ernst zu nehmen.
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Forschende oder Verrückte?
Was im Film sofort auffällt, ist die Kluft zwischen der eigentlichen Rolle der Hauptfiguren und der Art, wie sie vom Rest der Welt wahrgenommen werden. Tatsächlich sind Kate und Randall Wissenschaftler*innen. Per Definition verbringen sie ihr Leben damit, Wissen über ein bestimmtes Thema zu erlangen (in diesem Fall über den Weltraum). Man könnte sagen, dass sie das Wissen über die bevorstehende Katastrophe haben, dass sie es besitzen.
Sobald sie jedoch ihre Sorge und Angst offen zum Ausdruck bringen (was angesichts der Lage absolut verständlich ist), werden sie von den Medien und den Machthabenden als verrückte, lächerliche Verschwörungsspinner*innen wahrgenommen. Der Rest der Welt weigert sich aktiv, die Realität und den Ernst der Lage anzuerkennen und zu vermitteln.
Über den Autor: Mathys Douma ist ein ehemaliger Teilnehmer der Mathematik- und Philosophie-Olympiaden. Neben seinem Mathematikstudium engagiert er sich in verschiedenen Bewegungen, die für Klima- und soziale Gerechtigkeit kämpfen.
Die Wissenslücke
Die Kluft liegt genau an der Schnittstelle zwischen der Wissenschaft und ihrer Vermittlung. Der Zugang zum Wissen wird verwehrt: Auf der einen Seite stehen Wissenschaftler*innen, die das Wissen haben, und auf der anderen Seite gesellschaftliche Akteure, die die Kontrolle über dieses Wissen haben. Sie haben die Macht, es zu verzerren und den Zugang zu belegten wissenschaftlichen Fakten zu behindern.
Im Englischen hat “to look up” noch eine andere Bedeutung als nur “hochschauen”: etwas nachschlagen. Sich informieren und nach Wissen suchen. In diesem Sinne bedeutet „don’t look up“ so viel wie „wage es nicht, nach Wissen zu suchen“, was als Schlag ins Gesicht des Mottos der Aufklärung verstanden werden kann: „Sapere Aude“ - “Wage es, dich deines Verstandes zu bedienen.”
Wie zu erwarten, geht die Botschaft des Films über seine apokalyptische Action hinaus: Dieses Phänomen ist heute mehr denn je relevant, in einer Zeit, in der mächtige Regierungen, soziale Medien und Big-Tech-Unternehmen enorme Kontrolle über die Verbreitung von Informationen ausüben, einschliesslich wissenschaftlicher Erkenntnisse. Mit den Worten der Professorin Shoshana Zuboff: „Die Frage ist, wer diese Informationen kennt? Wer entscheidet, wer sie kennt? Wer entscheidet, wer entscheidet, wer sie kennt? (...) Es sind die Giganten des Überwachungskapitalismus. Sie haben die Antworten auf all diese Fragen. Obwohl wir sie nie gewählt haben, um zu regieren.“

Was ist da oben?
Eine Metapher für Klimaverantwortung
Diese Kontrolle des Wissens durch die Macht wirft unweigerlich eine weitere Frage auf: Wie wirkt sich das auf die individuelle und kollektive Verantwortung einer Bevölkerung aus?
Es ist klar, dass eine solche Kontrolle von bestimmten Interessen motiviert ist: der Bequemlichkeit der Untätigkeit sowie dem Bedürfnis, die Menschen nicht zu verunsichern, Vertrauen zu gewinnen und die Ordnung aufrechtzuerhalten. Dies führt zu dem, was man als kollektive Verleugnung in Bezug auf ein (im wahrsten Sinne des Wortes) brennendes Thema bezeichnen könnte.
Wie du vielleicht schon geahnt hast, spielt der Film deutlich auf den Klimawandel an. Die Verleugnung eines tödlichen Kometen im Film erinnert zweifellos an die Verlegung des Klimawandels durch gewisse Politiker*innen, während sich die Expert*innen einig sind, dass gehandelt werden muss. Im Artikel The Greatest Danger argumentiert die Ökophilosophin Joanna Macy, dass das Ende dieser Verleugnung den ersten wesentlichen Schritt zur Klimaverantwortung darstellt.
„Von allen Gefahren, denen wir ausgesetzt sind – vom Klimachaos bis zum Dauerkrieg – ist keine so gross wie diese Abstumpfung unserer Reaktionsfähigkeit. Denn psychische Abstumpfung beeinträchtigt unsere Fähigkeit, Informationen zu verarbeiten und darauf zu reagieren. Die Energie, die wir für die Unterdrückung der Verzweiflung aufwenden, wird von wichtigeren Dingen abgelenkt. Das schwächt die Widerstandsfähigkeit und Vorstellungskraft, die für neue Visionen und Strategien nötig sind.
(...)
Verzweiflung einzugestehen, bedeutet hingegen nichts Geheimnisvolleres, als die Wahrheit darüber zu sagen, was wir sehen, wissen und fühlen, was in unserer Welt geschieht. (...) das Aussprechen der Wahrheit ist wie Sauerstoff. Es belebt und gibt uns Gesundheit und Kraft zurück.“
Doch das kann sich als Herausforderung erweisen, denn der Klimawandel löst viele unterschiedliche Reaktionen aus, von Angst über Wut bis hin zu Ohnmacht oder Gleichgültigkeit. Wie lässt sich klar machen, dass es notwendig ist, etwas zu tun, wenn Untätigkeit den Interessen der Mächtigen dient und für einzelne Menschen bequemer ist?

Volunteers der Philosophie-Olympiade schauen hoch.
Zu denen aufschauen, die hochschauen
Wir können versuchen, Antworten bei den Persönlichkeiten zu finden, die die Aufforderung “Don’t look up” ablehnen und trotzdem hochschauen. Das sind, wie Joanna Macy, die Denker*innen und Aktivist*innen, die sich für Klimagerechtigkeit einsetzen. Diejenigen, die durch ihre Schriften, Reden oder Taten für einen Kurswechsel kämpfen.
Eine der bekanntesten dieser Persönlichkeiten ist wohl die Klimaaktivistin Greta Thunberg mit ihren zahlreichen Teilnahmen an Protesten sowie an diplomatischen Treffen. „Unser Haus steht in Flammen“, sagte sie 2019 auf dem Weltwirtschaftsforum. Man kann es so sehen, dass Thunberg mit ihrem Aktivismus darauf abzielte, Menschen zusammenzubringen und den kollektiven Charakter des Problems hervorzuheben. Wenn Untätigkeit uns kurzfristig freier macht als Einzelpersonen, ist es umso wichtiger, an die langfristigen Folgen für alle zu erinnern.
Jahresthema “Look up!”: Zu wem schauen wir auf? Was sehen wir, wenn wir nach oben schauen – vielleicht mithilfe eines Teleskops bei der neuen Astronomie-Olympiade? So wie ein Schiff anhand der Sterne seinen Weg findet, geben uns auch Vorbilder Orientierung. 2026 treffen wir inspirierende Menschen und mit jene, die von ihnen inspiriert wurden. Wir stellen Förderangebote vor, an denen man sich ein Beispiel nehmen kann. Und wir richten den Blick zum Himmel. Abonniere jetzt den Newsletter oder folge uns auf Instagram, um nichts zu verpassen!
Fazit
Auf globaler Ebene scheint es nach wie vor schwierig, Verantwortung für das Klima zu übernehmen. Der Klimawandel bleibt ein komplexes, heikles und tabuisiertes Thema, das zudem weder dem einzelnen Menschen noch der Gesellschaft als Ganzes angemessen vermittelt wird. Gegen die kollektive Verleugnung anzukämpfen scheint im Moment das Beste, was wir tun können. Denn, wie Macy in The Greatest Danger schreibt: „Wenn wir alte Abwehrmechanismen aufgeben, finden wir zu einer stärkeren Gemeinschaft“. Und ich glaube, dass diese stärkere Gemeinschaft, die sich auf unsere Rolle als Menschen auf der Erde konzentriert, uns Kraft und Sinn für unser Streben geben kann. Ob dieses nun in Büchern oder Filmen stattfindet, bei einer Demonstration auf der Strasse oder bei einem Abendessen in Bern.

Ein Abendessen bei der Philosophie-Olympiade.
Referenzen: